Passives Abseits: Wann eine Abseitsstellung nicht bestraft wird
Eine Abseitsstellung allein wird nicht bestraft. Erst wenn der Spieler den Ball spielt, einen Gegner beeinflusst oder aus seiner Position einen Vorteil zieht, entsteht ein Abseitsvergehen.
KI-generiertes SymbolbildDer Pass fliegt hinter die Abwehr, ein Angreifer steht klar näher am Tor als die Verteidiger – und die Pfeife bleibt stumm. Fehlentscheidung? Häufig nicht. Der Spieler kann sichtbar im Abseits stehen, ohne ein Abseitsvergehen zu begehen.
Genau diesen Fall bezeichnet die Alltagssprache als passives Abseits. Wer die Entscheidung verstehen will, muss zwei Dinge sauber trennen: die Position eines Spielers und sein anschließendes Verhalten.
Der Unterschied, um den es geht: Stellung ist nicht Vergehen
Eine Abseitsstellung beschreibt zunächst nur, wo sich ein Spieler in einem bestimmten Moment befindet. Diese Position ist erlaubt. Kein Spieler wird allein dafür bestraft, dass er hinter der gegnerischen Abwehr auf einen Pass wartet.
Ein Abseitsvergehen entsteht erst, wenn zur Abseitsstellung eine der drei in Regel 11 beschriebenen Handlungen hinzukommt. Der betreffende Spieler muss:
- ins Spiel eingreifen, indem er den Ball spielt oder berührt,
- einen Gegner beeinflussen oder
- aus seiner Abseitsstellung einen Vorteil ziehen.
Der Ausdruck passives Abseits steht nicht im Regeltext des International Football Association Board, kurz IFAB. Er ist eine praktische Kurzform für eine Abseitsstellung, aus der kein strafbares Eingreifen entsteht.
Ein Beispiel: Zwei Angreifer laufen Richtung Tor. Einer steht beim Pass im Abseits, bleibt aber stehen. Der andere startet aus erlaubter Position, erreicht den Ball und spielt weiter. Der abseits stehende Mitspieler greift weder zum Ball noch beeinflusst er einen Verteidiger. Kein Pfiff.
Wann eine Abseitsstellung überhaupt vorliegt
Nach IFAB-Regel 11 befindet sich ein Spieler in einer Abseitsstellung, wenn zwei Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind:
- Ein Teil seines Kopfs, Rumpfs oder seiner Beine befindet sich in der gegnerischen Hälfte.
- Dieser Körperteil ist näher an der gegnerischen Torlinie als der Ball und der zweitletzte Gegner.
Hände und Arme zählen ausdrücklich nicht mit. Das gilt für Feldspieler ebenso wie für Torhüter; die Grenze des Arms liegt unten an der Achselhöhle. Wer auf gleicher Höhe mit dem zweitletzten Gegner oder den letzten beiden Gegnern steht, ist nicht im Abseits. Die häufig verwendete Erklärung „hinter dem letzten Verteidiger“ ist deshalb ungenau. Maßgeblich ist der zweitletzte Gegner; der Torwart zählt dabei als Gegner, muss aber nicht zwingend der hinterste Gegenspieler sein.
Wenn dir die Grundlagen der Regel noch fehlen, steigst du am besten zuerst über Abseits einfach erklärt für Kinder ein und kommst danach hierher zurück.
Der Moment des Abspiels zählt
Bewertet wird die Position in dem Moment, in dem ein Mitspieler den Ball spielt oder berührt. Wo der Angreifer eine halbe Sekunde später steht, entscheidet nicht darüber, ob zuvor eine Abseitsstellung vorlag.
Das lässt sich im Training mit einem Standbild erklären: Sobald der Pass gespielt wird, frieren gedanklich alle Spieler ein. In diesem Bild prüfst du Ball, Angreifer und zweitletzten Gegner. Erst danach geht es um die Frage, ob der betreffende Angreifer tatsächlich eingreift.
Klingt simpel? Bei schnellen Läufen in entgegengesetzte Richtungen liegen zwischen klar erlaubt und klar abseits oft nur wenige Zentimeter.
Die drei Wege, aus passiv aktiv zu werden
Eine Abseitsstellung bleibt so lange folgenlos, wie der Spieler nicht auf eine in Regel 11 beschriebene Weise aktiv wird. Drei Wege führen zum Abseitsvergehen.
1. Ins Spiel eingreifen
Der Spieler begeht ein Vergehen, wenn er den Ball spielt oder berührt, den zuletzt ein Mitspieler gespielt hat.
Beispiel aus dem Jugendspiel: Ein Mittelfeldspieler schickt einen Pass durch die Schnittstelle. Der Stürmer stand beim Abspiel im Abseits, läuft zum Ball und nimmt ihn an. Aus der erlaubten Stellung wird durch die Ballberührung ein Abseitsvergehen.
Anders sieht es aus, wenn der Stürmer stoppt und ein Mitspieler aus korrekter Position den Pass übernimmt. Solange der erste Spieler niemanden beeinflusst, bleibt seine Stellung passiv.
2. Einen Gegner beeinflussen
Auch ohne Ballkontakt kann ein Spieler strafbar eingreifen. Das ist etwa der Fall, wenn er:
- einem Gegner klar die Sicht auf den Ball versperrt,
- einen Gegner in einen Zweikampf um den Ball verwickelt oder
- eindeutig versucht, einen Ball in seiner Nähe zu spielen, und dadurch die Möglichkeit eines Gegners beeinflusst, den Ball zu spielen.
Beispiel aus dem Jugendspiel: Nach einem Distanzschuss steht ein Angreifer in Abseitsstellung direkt zwischen Ball und Torwart. Er berührt den Schuss nicht, versperrt dem Torwart aber die Sicht. Das kann ein Abseitsvergehen sein.
Steht derselbe Angreifer mehrere Meter neben der Flugbahn und hat keinen Einfluss auf den Torwart, bleibt seine Position passiv. Die räumliche Nähe allein reicht nicht automatisch aus.
3. Aus der Abseitsstellung einen Vorteil ziehen
Ein Spieler wird ebenfalls strafbar, wenn er den Ball aus seiner Abseitsstellung spielt, nachdem dieser beispielsweise vom Pfosten, von der Querlatte oder von einem Gegner zurückprallt beziehungsweise abgefälscht wird.
Beispiel aus dem Jugendspiel: Ein Schuss trifft den Pfosten. Ein Angreifer, der bereits beim ursprünglichen Schuss im Abseits stand, schiebt den zurückspringenden Ball ins Tor. Der Pfostenkontakt startet keine neue Situation. Das Tor zählt nicht.
Für Trainer ist diese Reihenfolge hilfreich: Position beim Pass prüfen, danach das Verhalten beobachten. Wer sofort beim Erkennen einer Abseitsstellung ruft, überspringt den zweiten Teil der Regel.
Situationen, in denen es nie Abseits gibt
Regel 11 nennt drei Spielfortsetzungen, nach denen ein Spieler den Ball direkt erhalten darf, ohne wegen Abseits bestraft zu werden:
- Abstoß
- Einwurf
- Eckstoß
Steht ein Stürmer bei einem Einwurf hinter der gesamten gegnerischen Abwehr und erhält den Ball direkt, liegt kein Abseitsvergehen vor. Nach einem anschließenden Pass wird die Situation neu bewertet.
In der eigenen Hälfte
Eine Abseitsstellung setzt voraus, dass sich der relevante Teil von Kopf, Rumpf oder Beinen in der gegnerischen Hälfte befindet. Die Mittellinie gehört dabei zur eigenen Hälfte. Ein Spieler, der beim Zuspiel vollständig in der eigenen Hälfte oder mit dem Körper auf der Mittellinie steht, kann deshalb in diesem Moment nicht im Abseits stehen – selbst wenn vor ihm nur noch der gegnerische Torwart wartet.
Sonderregeln im Kinderfußball prüfen
Ob passives Abseits im Spiel deines Kindes überhaupt eine Rolle spielt, hängt von Altersklasse und Verband ab (Stand 2026/27):
| Land | Wo Abseits gilt |
|---|---|
| Deutschland | G- und F-Jugend ohne Abseits. E-Jugend: fast alle Landesverbände ohne, im Saarland ist keine Ausnahme vorgesehen. D-Jugend: je nach Verband, zum Beispiel mit Abseits in Hessen, am Mittelrhein und in Württemberg, ohne in Berlin, Hamburg und Sachsen; Sachsen-Anhalt nutzt auf Landesebene eine 20-m-Abseitslinie |
| Österreich | U6 bis U10 ohne, ab U11 die offizielle Regel; in Tirol ist das Abseits in U11 bis U13 für den ersten Spieler aufgehoben, der den Ball direkt aus Abstoß, Abwurf oder Ausschuss des Torhüters erhält |
| Schweiz | Kategorien G, F und E ohne; D-7 und D-9 Abseits ab der Mittellinie; ab Kategorie C nach den offiziellen Regeln |
Legt ein Verband eine eigene Abseitslinie fest, gilt dessen Regel. Was in deiner Altersklasse gilt, steht in den Überblicken zu den E-Jugend-Regeln und D-Jugend-Regeln.
Auch die Spielformen unterscheiden sich je nach Landesverband und Altersklasse. Einen Überblick bietet der Beitrag Kinderfußball-Spielformen: 21 Landesverbände im Vergleich. Auch bei der Hallenrunde gelten häufig eigene Wettbewerbsbestimmungen; vor dem Turnier lohnt sich deshalb ein Blick in die Hallenturnier-Regeln für Kinder.
Der schwierige Fall: abgefälscht oder absichtlich gespielt?
Besonders viel Verwirrung entsteht, wenn ein Verteidiger den Pass berührt. Hebt dieser Kontakt die vorherige Abseitsstellung auf?
Die entscheidende Unterscheidung lautet:
- Bei einer absichtlichen Aktion des Gegners wird die alte Abseitsstellung grundsätzlich aufgehoben und die Situation beginnt neu.
- Bei einem lediglich abgefälschten oder abgeprallten Ball bleibt die ursprüngliche Abseitsstellung bestehen.
- Auch nach einer Torverhinderungsaktion eines Gegners, etwa einer Parade, bleibt sie strafbar.
- Ein absichtliches Handspiel des Gegners zählt dagegen als absichtliches Spielen des Balls und hebt die Abseitsstellung auf.
Ein typischer Fall: Ein Verteidiger erkennt einen Pass, geht kontrolliert zum Ball und versucht bewusst, ihn weiterzuspielen. Gelangt der Ball anschließend zum zuvor abseits stehenden Angreifer, wird die alte Stellung nicht mehr herangezogen.
Springt der Ball dagegen aus kurzer Entfernung überraschend vom Bein des Verteidigers zum Angreifer, kann es sich um ein bloßes Abfälschen handeln. Dann bleibt die ursprüngliche Abseitsbewertung bestehen.
IFAB und FIFA haben die Richtlinien zur Unterscheidung zwischen einer absichtlichen Aktion und einem abgefälschten Ball präzisiert. Der Grund: Eine klare Abseitsstellung soll nicht bei jeder Bewegung und jeder noch so kleinen Berührung eines Gegners automatisch aufgehoben werden.
Für Zuschauer wirkt das schwierig, weil eine Berührung von außen deutlich zu sehen ist, die Art der Aktion aber beurteilt werden muss. Wollte der Verteidiger den Ball bewusst spielen, oder wurde er lediglich getroffen? Genau an dieser Grenze entstehen viele Diskussionen.
Was passiert, wenn gepfiffen wird?
Ein geahndetes Abseitsvergehen führt zu einem indirekten Freistoß für die gegnerische Mannschaft. Aus einem indirekten Freistoß kann ein Tor erst zählen, wenn der Ball vor dem Torerfolg noch von einem weiteren Spieler berührt wurde.
Ausgeführt wird der Freistoß am Ort des Vergehens. Das kann sogar in der eigenen Hälfte des fehlbaren Spielers sein. Ein Beispiel: Ein Angreifer steht beim Pass in der gegnerischen Hälfte im Abseits, läuft zurück in seine eigene Hälfte und spielt dort den Ball. Sein Eingreifen erfolgt erst an diesem Ort.
So erklärst du passives Abseits Kindern
Ein Satz reicht häufig aus:
„Abseits stehen ist erlaubt – erst Eingreifen macht es strafbar.“
Anschließend kannst du drei kurze Fragen stellen:
- Stand der Spieler beim Pass im Abseits?
- Hat er den Ball gespielt?
- Hat er einen Gegner beeinflusst oder einen Abpraller genutzt?
Diese Erklärung funktioniert in der Praxis besser als lange Vorträge über Linien und Körperteile. Nutze im Training zwei oder drei konkrete Spielszenen und friere den Moment des Abspiels jeweils kurz ein.
Wann sich eine Diskussion nicht lohnt
Ob ein Spieler die Sicht versperrt, einen Gegner beeinflusst oder ob ein Ball absichtlich gespielt wurde, verlangt eine Wahrnehmung und Bewertung durch das Schiedsrichterteam. Lautstarke Diskussionen an der Seitenlinie helfen Kindern dabei nicht.
Bei einer unklaren Entscheidung kannst du nach dem Spiel ruhig nachfragen. Während der Partie sollte der Fokus schnell wieder auf der nächsten Aktion liegen. Weiter.
Fazit: Erst die Stellung, dann das Eingreifen
Passives Abseits bedeutet: Ein Spieler befindet sich zwar in einer Abseitsstellung, begeht aber kein Abseitsvergehen. Die Position allein reicht für einen Pfiff nicht aus.
Strafbar wird die Situation erst, wenn der Spieler den Ball spielt oder berührt, einen Gegner beeinflusst oder aus einem Abpraller beziehungsweise einer vergleichbaren Situation einen Vorteil zieht. Maßgeblich ist dabei die Position im Moment des Zuspiels durch den Mitspieler.
Unterm Strich hilft eine klare Denkfolge: Wo stand der Spieler beim Pass – und was tat er danach? Wer diese beiden Fragen trennt, versteht auch, warum manche offensichtlich aussehende Abseitssituation völlig korrekt weiterläuft.
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